Paradies

Gemäss der Definition des Dudens ist das Paradies «ein Ort, Bereich der durch seine Gegebenheiten, seine Schönheit, seine guten Lebensbedingungen o. Ä. alle Voraussetzungen für ein schönes, glückliches friedliches o. ä. Dasein erfüllt». Vereinfacht gesagt: Coco Bandera Island. Doch das Paradies will verdient sein.

Für die Reise von Kolumbien nach Panama gibt es zwei allgemein bekannte Möglichkeiten. Die eine ist ein profaner Flug, die andere, weitaus interessantere, ist ein Trip mit dem Segelboot von der Backpacker-Hochburg Cartagena via der vor Panamas Küste liegenden und Panama zugehörigen San-Blas-Inseln – einer Inselgruppe von rund 365 Inseln von teilweise winzig kleiner Grösse – nach Carti in Panama. Eine dritte, relativ unbekannte Möglichkeit eröffnet sich denjenigen, die wie wir sich bereits an der kolumbianisch-panamaischen Grenze befinden: Eine viertägige Tour mit einem Motorboot der Küste entlang von Sapzurro in Kolumbien via San-Blas-Inseln nach Carti. Ziemlich eindeutig entschieden wir uns für diese dritte Variante. Die Zeitersparnis mit dem Motorboot hatte nämlich zwei gewichtige Vorteile: Einerseits befanden wir uns mitten in der Jahreszeit der rauen See und mit dem Segelboot hätten wir uns zwei ganze Tage (und Nächte) auf dem offenen Meer befunden, was die Gefahr einer Seekrankheit wohl nicht gerade vermindert hätte und andererseits – was noch wichtiger war – hatten wir aufgrund der verminderten Fahrzeit viel länger Zeit, die verschiedenen Inseln zu erkunden.

Bei der Bewillkommnung durch unsere Guides – Kate aus Deutschland, Roger aus Kolumbien und Ksenia aus Russland – in Capurganà lernten wir erstmals den Rest unserer Gruppe kennen. Da die Tour auch in Cartagena beworben wird – wobei zwei Tage für die Reise von Cartagena nach Capurganà benötigt werden – waren wir nicht mehr ganz so allein wie die Tage zuvor und hatten doch 22 Mitreisende an unserer Seite. Nachdem wir alle Informationen erhalten hatten, insbesondere die mehrfach erwähnte Info wie wir unseren Rucksackinhalt absolut wasserdicht verpacken sollten, begaben wir uns zum Migrationsbüro, um unseren Ausreisestempel zu holen. Den zuständigen Beamten kümmerte es jedoch kein Jota, dass nun 27 Personen aus seinem Land ausreisen wollten. Er machte erstmals Mittagspause. Ab 11.30 Uhr. Bis 14.30 Uhr. Beamten. Um 14.30 Uhr erfuhren wir dann, dass 14.30 Uhr nicht unbedingt 14.30 Uhr heissen musste. Da am selben Abend jedoch nur noch das gemeinsame Abendessen sowie das Umpacken des Rucksacks – den ganzen Inhalt in einen oder zwei Müllsäcke packen, welche im Innern des Rucksacks platziert werden und dann den gefüllten Rucksack seinerseits in einen weiteren Müllsack packen, welcher so dicht wie möglich verschlossen wird – auf der Agenda standen, hatten wir überhaupt keine Eile und konnten mit dieser Nonchalance unsererseits ebenfalls ganz entspannt umgehen.

Am nächsten Morgen stand zuerst eine rund dreissigminütige Bootsfahrt in das kleine Dorf Puerto Obaldia an, wo die Einreiseformalitäten für Panama erledigt werden mussten. Bedauernswerterweise fanden wir nur noch in der hintersten Reihe des Bootes einen Platz, was in diesem Falle keine Unbedeutendheit darstellte, denn aus Erfahrung kannten wir die einfache Regel: Je weiter hinten du sitzt, je nässer du wirst. Bei der Grenzkontrolle wurden wir von einer Armada von bewaffneten Polizisten und einem äusserst aggressiven Hund, welcher sich später über das Gepäck hermachen sollte, um allfällige Spuren von illegalen Substanzen zu erkennen, begrüsst. Der Hund wurde zum Glück nicht fündig, denn ich möchte nicht wissen, wie dieses Viech bei einem allfälligen positiven Befund reagiert hätte. Das Fotografieren der Szenerie wurde leider unter Androhung von Strafe verboten.

Gepäckkontrolle an der Grenze. Der Hund wirkte durchaus aggressiv.

Nachdem das ganze Prozedere inklusive Papierkram nach exakt drei Stunden abgeschlossen war, konnte unsere Reise fortgeführt werden. Zwei neue Boote standen bereit und mit unserer Skilift-Erfahrung konnten wir uns zwei Plätze in der vordersten Reihe des einen Bootes sichern. Schon bald erfuhren wir, wie die Aussage von Kate, dass das Unternehmen, welches die Tour organisiert, nicht umsonst den Zusatz «Adventures», also Abenteuer, in ihrem Namen trage, gemeint war. Denn unglücklicherweise erwischten wir das Boot, welches auf der rund zwei Stunden dauernden Fahrt zu unserer ersten Insel gleich dreimal einen Motorenausfall zu beklagen hatte.

Unser Boot - nicht unbedingt zuverlässig.

Als wir dann diese Insel jedoch erreichten, waren sowohl die drei Stunden Wartezeit bei der Einreise wie auch die Motorenprobleme vergessen – der Wow-Effekt setzte ein. Die Insel, deren Namen wir bis heute nicht wissen, war winzig klein (man nehme ungefähr die Fläche eines Fussballfeldes an), aber umso schöner. Das Wasser, in diesem für die Karibik typischen Türkis-Ton gehalten, lud geradezu zum Schwimmen und Schnorcheln ein. Leider war diese unbewohnte Insel nicht zugleich unsere Übernachtungsstätte und so hiess es nach ein paar Stunden bereits wieder Abschied nehmen.

Die erste von diversen San-Blas-Inseln - ein gelungener Einstieg.

Die erste Nacht verbrachten wir auf einer der 49 bewohnten Inseln. Die San-Blas-Inseln gehören zum Territorium Guna Yala, ein autonomes Gebiet, welches ausschliesslich durch die indigene Bevölkerung des Kuna-Volkes bewohnt wird. Nur wenige der 49 Inseln dürfen überhaupt von Touristen besucht werden, es obliegt den jeweiligen Oberhäuptern des Dorfparlaments zu entscheiden, ob Touristen auf den Inseln geduldet werden oder nicht. Einerseits wollen die Kuna die eigene Kultur ohne äussere Einflüsse so gut wie möglich erhalten, andererseits bietet eine Gruppe von jungen Touristen eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle. Dies führt häufig zu Spannungen auch innerhalb einer einzelnen Insel, wie wir bei einem Inselrundgang nicht unschwer erkennen konnten. Einige Familien sassen in ihrer Gesamtheit (oft mit bis zu einem Dutzend Kinder) vor ihrem Haus und begrüssten uns freundlich, währenddessen bei anderen eher das Sprichwort «Wenn Blicke töten könnten…» angebracht war. Allerdings gehörten die meisten der Leute zur ersten Gruppe und vor allem die Kinder – von denen die allermeisten noch im «Vorschulalter» zu sein schienen – hatten eine Riesenfreude an uns.

Was als Spass begann, endete (wirklich) in einem Boxkampf der beiden Jungs.

Die Behausungen auf der Insel waren allesamt sehr einfach, geduscht wurde, dies galt auch für uns, aus einem Fass voll Regenwasser und jegliche Notdurft wurde direkt ins Meer verrichtet, was auch auf allen anderen Inseln so gehandhabt wurde (ja, am nächsten Tag wurde wieder im selben Meer gebadet, na und?). Trotz der einfachen Lebensumstände scheint dieses Volk in ihrer eigenen Welt ein absolut glückliches Leben zu führen. Zwei wichtige Grundsätze, die wir erfuhren, waren, dass bei den Kuna Land immer innerhalb der Familie weitervererbt wird, das heisst ein Kauf oder Verkauf von Land ist nicht möglich und der Besitz von viel Land ist nicht gleichbedeutend mit einer besseren Stellung innerhalb des Volkes – da materialistische Werte bei den Kuna eher klein geschrieben werden – und infolgedessen ist als zweiter Grundsatz auch Ansparen von Kapital verpönt und nicht mit den Prinzipien der Kuna vereinbar. Der Faktor zum Glück? Einzig bei einer Mondfinsternis sind die Kuna alles andere als glücklich. Gemäss ihrer Mythologie entsteht eine Mondfinsternis dann, wenn ein Drachen versucht, den Mond aufzuessen. Bei dieser Gelegenheit dürfen sich nur die Albinos – welche bei den Kuna überdurchschnittlich oft vorkommen – draussen aufhalten und mit Pfeil und Bogen gegen den Drachen ankämpfen. Die restliche Bevölkerung verschanzt sich derweil in den Häusern bis der Drachen besiegt ist und die Albinos als Retter gefeiert werden. Natürlich könnte man dies jetzt ins Lächerliche ziehen, aber wenn man bedenkt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der in den Zeitungen jeweils den Menschen durch die Sterne das weitere Leben vorausgesagt wird – dabei widerfährt natürlich alle Menschen, die im gleichen Zeitraum geboren sind, dasselbe Schicksal – ist dies vielleicht gar nicht so angebracht.

Eine typische Insel-Toilette - auf direktem Weg ins Meer.

Nachdem wir viel über das einheimische Volk erfuhren und genug mit den einheimischen Kindern herumgetollt hatten, wurde der Rum ausgepackt und der erste Abend ausgiebig gefeiert. Als Folge davon war die Russin – welche eigentlich für die Zubereitung des Frühstücks (mit)verantwortlich gewesen wäre – am nächsten Morgen nicht zu wecken, ein Umstand, welcher sich die beiden nächsten Morgen nicht ändern sollte (obwohl sie nach dem ersten Abend dem Alkohol für «immer» abschwor) und sich so zum absoluten Running Gag entwickelte. Auch sonst hatte es einige spezielle Charaktere in unserer internationalen Gruppe (Top-Vertreter 5x London, 4x Deutschland, 4x Niederlande), zu erwähnen sei zum Beispiel noch die Kanadierin, welche höchstens vier Gläser Rum Cola verträgt, aber jeden Abend mindestens 12 davon zu sich nahm.

Das Ausmass von den abendlichen Aktivitäten zeigte sich jeweils erst am nächsten Morgen und zwar dann, wenn die Bootsfahrt anstand. Ich verstehe weder was von Booten, noch was von Physik und kann darum die folgenden, mir so zugetragenen Fakten, nicht verifizieren. Sollte irgendwas eher unmöglich klingen, lasst es mich wissen. Unsere beiden Boote waren mit je 150 PS bestückt und fahren bei Volltempo mit rund 50 km/h. Eine Fahrt wird angetreten, sofern die Wellen im Meer nicht mehr als zwei Meter hoch sind. Ansonsten ist es zu gefährlich und man harrt weitere Stunden oder Tage auf der Insel aus, auf der man sich befindet. In der Realität kann man sich das so vorstellen, dass man sich vorne im Boot in etwa so fühlt, wie wenn man unendlich viele Male hintereinander die bekannten Grödener Kamelbuckel überspringen würde und hinten in etwa so, wie wenn man im Europapark eine fiktive Wildwasserbahn mit der fünffachen Länge der eigentlichen heruntersause. Dies mag vorne die ersten 20-30 Minuten ganz witzig sein, danach fangen die Schmerzen im Rücken- und Gesässbereich an, Überhand zu nehmen. Sitzt man hinten ist das alles egal, denn da ist man nach zwei Minuten klitschnass. Die Plätze in Reihe zwei von den total vier Reihen, waren daher am beliebtesten.

Noch prekärer wird es – zumindest meines Erachtens – nur, wenn die Motoren ausfallen. Dann treibt das Boot im offenen Meer umher und die Wellen sind dann besonders «schön» zu spüren. Nun wäre das nicht weiter schlimm, wäre so ein Motorenausfall ein aussergewöhnliches Erlebnis, doch bereits am ersten Tag waren wir – und zwar nur unser Boot – dreimal davon betroffen. So waren wir froh, als uns am zweiten Tag mitgeteilt wurde, dass der Motor am Vorabend repariert wurde und die heutige Fahrt reibungslos ablaufen sollte. An diesem Tag liess der Motorenausfall dann nur 5 Minuten auf sich warten – gefolgt von einem einstündigen Aufenthalt auf der nächsten Insel zwecks Besorgung von Motorenöl. Kann man nichts machen. Die Motorenausfälle steigerten sich dann zu Running Gag Nummer 2, ca. deren 20 dürften es an den vier Tagen schlussendlich gewesen sein.

Die Haltung verrät einiges über das Wohlbefinden der Passagiere.

Allgemeines Fazit: Ist die Bootsfahrt schon ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen teilweise ungemütlich, so ist diese mit einem Kater sicherlich nicht angenehmer. Ich hatte da, eventuell aus eigener Erfahrung, jeweils ziemlich Mitleid, vor allem mit der Russin, welche teilweise so aussah, als würde sie die nächsten Minuten nicht überleben, doch Martina war da pragmatischer und meinte nur: «Selber schuld».

Noch schlimmer als uns erging es den beiden Fischern, die mit ihrem Boot Schiffsbruch – in wahrstem Sinne des Wortes – erlitten hatten. Unsere Kapitäne, allesamt Kuna, entschuldigten sich ausgiebig für die durch die Rettung entstehende Verzögerung, obwohl dies für uns natürlich eine Selbstverständlichkeit darstellte. Das Erstaunlichste dabei: Die drei Bootsinsassen lachten die ganze Zeit und waren zu Spässen aufgelegt, obwohl ihr Boot soeben zu versinken drohte.

So tingelten wir von Insel zu Insel, gewisse bewohnt, gewisse unbewohnt und nur wenige Quadratmeter gross, bis wir am zweitletzten Morgen aufbrachen zu Coco Bandera Island. Die letzten 24 Stunden unseres Insellebens sollten dort stattfinden. Bereits bei der Ankunft sahen wir, welches Inseljuwel da vor uns lag. Die ganze Insel bestand aus einem grossen weissen Strand, gepaart mit Kokospalmen und türkisfarbenem Wasser. Als Schlafmöglichkeiten dienten Hängematten. Das wahre Paradies. Den ganzen Tag am wunderschönen Strand rumhängen, schnorcheln oder Beachvolleyball spielen und am Abend frischen Hummer direkt aus dem Meer schlemmen, gepaart mit frischem Fisch und Oktopus, danach am Lagerfeuer sitzen und Weihnachtsmusik – wie surreal – hören. Ja, Coco Bandera Island war sozusagen der Inbegriff des Paradieses.

Ankunft auf Coco Bandera Island.

Nach diesem Aufenthalt im Paradies begaben wir uns nach Panama City, der Hauptstadt Panamas. Betrachtet man die Skyline der Stadt, könnte man fast meinen man befände sich in Hongkong, Dubai oder in Singapur, obwohl man für jede dieser Städte Gründe darlegen kann, wieso es eben genau nicht die Skyline dieser Stadt sein kann. Aber eben «fast». Für uns war der Aufenthalt in dieser modernen Stadt nach unseren Dschungel-Trips, sowie dem Aufenthalt im kolumbianischen Nirgendwo und auf den San-Blas-Inseln fast ein wenig ein Kulturschock. Willkommen zurück in der zivilisierten Welt. Nebst dem Geschäftsviertel hat Panama City auch noch eine wunderschöne Altstadt sowie natürlich den weltbekannten Panama-Kanal zu bieten. So hatten wir bei unserem viertägigen Aufenthalt in dieser Stadt genügend zu tun, nicht zu vergessen ein «kurzer» Besuch im grössten Einkaufszentrum ausserhalb Asiens, welches auf einer Fläche von 380’000 Quadratmetern (entspricht rund 13mal dem Emmen Center) rund 700 Geschäfte beinhaltet. Verlaufen garantiert.

Die Skyline von Panama City.

Da unser Zeitbudget nicht unbegrenzt ist, beschlossen wir, von Panama City «direkt» nach Costa Rica zu reisen. Die erste Etappe sollte uns mit einem Nachtbus nach Changuinola führen, eine Stadt die rund 20 Kilometer von der Grenze Costa Ricas entfernt ist. Um auf der sicheren Seite zu sein, hatten wir die Tickets dafür bereits im Voraus gekauft und machten uns pünktlich auf den Weg zur Abfahrtsstelle. Unser Bus war bereits dort, doch leider wurden wir von den Sicherheitsbeamten nicht zum Bus gelassen, da jeder Passagier ein Drehkreuz passieren und dafür eine Gebühr von umgerechnet 10 Cents – in Panama wird mit US-Dollar bezahlt – zahlen musste, dies jedoch nur mit einer zuvor zu erwerbenden Chipkarte möglich war. Um diese zu kaufen, gab es im ganzen Busterminal nur einen Schalter, an dem nicht unbedingt wenig Leute Schlange standen. Als ich nach rund 30 Minuten endlich an der Reihe war, kam die bis dahin beim Gepäck Wache stehende Martina angerannt, und teilte mir mit, dass unser Bus soeben abgefahren sei. Das Gefluche wurde nicht unbedingt weniger, als die Dame am Schalter mir mitteilte, dass die Karte eine Grundgebühr von 3 Dollar aufweise und man diese zusätzlich mit mindestens 1 Dollar aufladen müsse. Zumindest könne man für zwei Personen auch nur eine Karte verwenden. So macht man also Geschäfte. Zu unserem Glück stellte sich später heraus, dass der vorangehende Bus massive Verspätung aufwies und somit gar nicht unser Bus vor unserer Nase weggefahren war. So konnte sich die allgemeine Aufregung ein wenig legen.

Rund 12 Stunden später erreichten wir unser Zwischenziel, wo wir uns gleich auf die Suche machten nach einem weiteren Bus, welcher uns an die Grenze bringen sollte. Dort angekommen erledigten wir die Ausreiseformalitäten, bevor wir uns zu Fuss über eine Brücke auf die andere Seite begaben. Die Einreiseformalitäten in Costa Rica dauerten erheblich länger, aber schlussendlich erhielten wir den Stempel und man hiess uns offiziell willkommen.

Der alte Grenzübergang zwischen Panama und Costa Rica. Inzwischen leider durch eine modernere Brücke ersetzt.

Unser erstes (und vorerst einziges) Ziel in Costa Rica war Cahuita an der südlichen Karibikküste. Auf Empfehlung von Freunden, welche die südlichen Länder Mittelamerikas vor Jahren etwas intensiver bereisten, entschieden wir uns für dieses kleine Dörfchen als Destination, wo wir Weihnachten feiern wollten. Eine viel bessere Wahl hätten wir kaum treffen können. Unsere Unterkunft direkt am schwarzen (!) Sandstrand war perfekt, die Reggae Bar mit Live-Musik war gleich um die Ecke, die Restaurants waren ausgezeichnet und auch der Fahrradausflug zu den umliegenden Stränden war traumhaft schön. Da sich das benachbarte Puerto Viejo, welches ebenfalls als mögliche Weihnachtsdestination in Frage kam – wie von besagtem Kenner übrigens vorausgesagt – als überlaufene Touristen-Hochburg entpuppte, war das beschauliche Cahuita die wesentlich bessere Wahl. Das typische Costa Rica dürften wir hier jedoch kaum erlebt haben, man wähnte sich eher in Jamaika oder auf sonst einer Karibikinsel, gepaart mit ein paar Deutschen und Schweizer Aussteigern, welche hier das Leben geniessen.

Der schwarze Strand von Cahuita - schön und einsam.

Die Tage vor und nach Silvester wollten wir eigentlich an der Pazifikküste Costa Ricas verbringen. Als wir uns rund zwei Wochen vorher jedoch um Hotels kümmern wollten – wie naiv wir Reiseanfänger doch sind – mussten wir feststellen, dass dies ein aussichtloses Unterfangen ist. In ganz Costa Rica schienen sämtliche Hotels ausgebucht, abgesehen von den Hotels in den Städten im Inland, welche umso günstiger schienen. Als wir uns – nicht ganz ohne Wehmut – damit abgefunden hatten, Silvester in einer Stadt anstatt am Strand zu feiern, kam mir, sozusagen als letzte Hoffnung, die Idee, mal abzuklären, ob man in Nicaragua noch was Bezahlbares finden würde. Und so wurde an einem Hotelcomputer in Medellin morgens um halb zwei der Plan für Silvester geschmiedet, welcher am selben Morgen am Frühstückstisch mit Martina besprochen und gleichzeitig umgesetzt wurde. Drei Flüge und vier verschiedene Hotels für total 7 Tage wurden ohne genauere Überprüfung – was noch für Diskussionen sorgen sollte – innerhalb von wenigen Minuten gebucht. Silvester in Nicaragua, zurück nach Costa Rica geht’s dann vielleicht später nochmal.

Die Destination, welche wir für unseren Start in Nicaragua ausgesucht hatten, war eine spezielle. Die Corn Islands. Die beiden Inseln im Karibischen Meer, rund 70 Kilometer von der nicaraguanischen Ostküste entfernt, werden von allen Seiten mit Lob überschüttet und oftmals als «Paradies» bezeichnet. Das passt ja bestens. Wir planten zwei Nächte auf Big Corn Island und vier Nächte auf Little Corn Island. Für die Anreise nach Big Corn Island gibt es die bequeme Variante mit dem Flugzeug, welches von der Hauptstadt Managua die Insel in rund einer Stunde erreicht, oder aber die Abenteuer-Variante mit dem Schiff, welche mehrere Tage dauern kann, davon abhängig, wo man die Reise startet. Da wir doch bereits einige Schifffahrten hinter uns hatten und auf der bisherigen Reise weit mehr Zeit auf Schiffen als in Flugzeugen verbrachten, waren wir irgendwie ganz froh, uns für die bequeme Variante entschieden zu haben.

Big Corn Island hat eine Grösse von rund 10 km2 und wird von rund 7’000 Insulanern bewohnt. Wir fanden uns auf der Insel schnell zurecht, was daran liegen könnte, dass es, abgesehen von drei kleinen Neben- und Verbindungsstrassen, nur eine Strasse gibt, welche rund um die Insel führt. Das Verkehrssystem ist auch äusserst praktisch. Möchte man nicht zu Fuss gehen, kann man mit dem Bus fahren, welcher sich immer im Uhrzeigersinn auf dieser einen Strasse bewegt, und dem Busfahrer mitteilen, wo man wieder aussteigen möchte. Eine Fahrt kostet umgerechnet 35 Rappen pro Person, egal von wo nach wo. Noch viel praktischer sind die Taxis. Dazu muss man sagen, dass rund 90% der auf der Insel fahrenden Autos, zusätzlich auch als «offizielle» Taxis dienen. Das heisst man kann so ziemlich jedes vorbeifahrende Auto heranwinken und sagen wo man hinmöchte. Eine Fahrt, auch hier egal wie lange sie auch sein mag, kostet pauschal 70 Rappen pro Person. Unterwegs werden Leute auf- und abgeladen und sollten die kleinen Autos in der Grösse eines Toyota Yaris oder Hyundai Getz mal mit vier Fahrgästen wirklich vollgeladen sein, passt immer noch ein fünfter in den Kofferraum: Deckel auf, reinsitzen, Deckel offenhalten, Beine hinten rausbaumeln lassen, das gemütliche karibische Leben halt. Schon bald hatten wir auch unseren Lieblingsstrand gefunden und die Aussicht, dass Little Corn Island noch schöner sein soll als dieses Paradies, liess unsere Erwartungen in ungeahnte Sphären heben.

Playa Arenas - unser Lieblingsstrand auf Big Corn Island.

Die Reise von Big Corn Island nach Little Corn Island wird gewöhnlicherweise mit einem Motorboot zurückgelegt wie wir es von unserer San-Blas-Tour bereits kennen. Da wir davon ausgingen, dass der Andrang eher gross sein dürfte, fanden wir uns bereits um 8.30 Uhr, 90 Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit, am Hafen ein. Am Ticketschalter wurde uns mitgeteilt, dass aufgrund des starken Wellengangs momentan keine Boote fahren dürfen und das einzige Boot des Tages um 16.30 Uhr ablegen würde. Ausserdem würde das Ticket das Doppelte des Normalpreises kosten, da es ein grösseres Boot sei und damit die Fahrzeit länger. Klingt logisch. Nicht alle bezahlten so anständig den doppelten Ticketpreis und ein Fahrgast war darob so ausser sich, dass er sich weigerte, diese Preiserhöhung zu akzeptieren und sich nicht davon abbringen liess, mit dem Verantwortlichen zu sprechen, um einen Preisnachlass zu erwirken. Natürlich war dieses Unterfangen von vornherein eine aussichtslose Donquichotterie, auf den Corn Islands kann man über so ein Verhalten nur lächeln. Wir hingegen nutzten diese unfreiwillige Planänderung für einen weiteren Tag an unserem Lieblingsstrand.

Mit mehr als 7 Stunden Verspätung ging die Reise mit dem Schiff namens Sea Prince IV, welches definitiv schon bessere Tage gesehen hatte, dann endlich los. Mit an Bord natürlich auch unser Querulant, dessen Bemühungen erfolglos blieben. Der Arme. Die Überfahrt war dann ein Erlebnis der Art «hätt nid müesse sii», denn der Wellengang war wirklich ausserordentlich stark und anstatt 30-40 Minuten wie mit dem schnellen Boot, dauerte die Fahrt rund 80 Minuten. Doch das Paradies will halt verdient sein. Schlussendlich musste ich, der wesentlich stärker gefährdet war als Martina, mich jedoch nicht über die Reling beugen und nach der Ankunft waren die Strapazen schnell vergessen.

Sea Prince IV hat sicherlich schon bessere Zeiten erlebt.

Am nächsten Morgen fragten wir die Einheimischen nach dem schönsten Strand der Insel und mussten feststellen, dass dieser sich am anderen Ende der Insel befindet. Da Little Corn Island mit einer Fläche von drei Quadratkilometern wirklich «little» ist, war ein Spaziergang dorthin jedoch kein Problem. Eine andere Möglichkeit ergab sich für uns – mit Ausnahme einer weiteren Bootsfahrt – sowieso nicht, denn motorisierter Verkehr ist auf Little Corn Island nicht zu finden. Der Spaziergang führte uns einmal quer über die Insel und stellte sich als ein wenig schlammiger heraus als erwartet – es scheint viel geregnet zu haben.

Der Weg zum Strand. Das Schuhwerk hätte durchaus angepasster sein können...

Als wir dann den Strand erreichten, waren wir – man muss es so deutlich sagen – enttäuscht. «Enttäuschung ist das Ergebnis falscher Erwartungen» hat ein sich für klug haltender deutscher Philosoph mal von sich gegeben. Aber Enttäuschung ist nun mal Enttäuschung. Der angeblich unendlich schöne, weisse Sandstrand war von Dreck und Plastikmüll übersät, das Meer aufgrund der starken Brandung zum Baden ungeeignet. Das Schlimmste dabei war, dass dies gemäss einhelliger Meinung ja der schönste Strand der Insel sein soll. Nach einem kurzen Aufenthalt begaben wir uns zurück ins «Dorf».

Der schönste Strand von Little Corn Island.

Die nächsten Tage verbrachten wir weitestgehend auf unserer Seite der Insel und da die Strände dort San Blas oder auch anderen Karibikstränden auf Inseln wie Antigua oder Aruba keinesfalls das Wasser reichen konnten, so legten wir unseren Fokus auf das Erkunden des Insellebens und liessen uns auch hier von der gemütlichen Atmosphäre der Insel recht schnell anstecken, immer mit der Frage verbunden, wie es eigentlich möglich ist, zuhause jeweils gestresst zu sein. Denn Stress ist ein Wort, welches diese Leute nun definitiv nicht kennen. So kamen wir relativ oft ins Gespräch mit anderen Leuten, seien es Touristen – von denen es wirklich viel zu viele gab – Ausgewanderte oder Insulaner, die bereits ihr ganzes Leben auf Little Corn Island verbringen. Während sich erste Gruppe hauptsächlich um den jeweiligen W-Lan-Code in den Restaurants kümmerte – welcher übrigens täglich gewechselt wird, damit auch wirklich nur diejenigen, welche etwas konsumieren, davon Gebrauch machen können – waren die Sorgen der zweiten und dritten Gruppe ganz anderer Natur. Ein Amerikaner, welcher vor acht Jahren ein Anwesen am Strand gekauft hat und nun während des Winterhalbjahres hier lebt, berichtete uns, dass sich der Strand in diesen acht Jahren um 12 Meter verkleinert hätte. Anders gesagt: Das Meer ist in nur acht Jahren um 12 Meter näher an sein Grundstück gerückt. Am deutlichsten brachte es der Vermieter unseres Zimmers auf den Punkt, mit welchem ich ein längeres Gespräch führen durfte. Er meinte, als er so alt war wie sein zweijähriger Sohn jetzt, sei die ganze Insel voll gewesen von wunderschönen Stränden, wenn sein Sohn so alt sei wie er heute, müsse man froh sein, wenn es überhaupt noch Strände gäbe. Nicht nur der Plastikmüll ist ein grosses Problem, nein, der Klimawandel bedroht die Existenz der Insel an sich. Aber da die Insel nur ein paar hundert Bewohner hat, werde ihre Stimme nicht wirklich ernst genommen. Und ja natürlich ist es mir bewusst, dass in der ganzen Welt herumfliegen nicht dazu beiträgt, dieses Problem zu verkleinern.

Die Silvesterfeier am Strand war dann wieder eine ganz spezielle Sache. Nachdem wir uns (fast wie zuhause, vom Hummer mal abgesehen) ein 4-Gang-Menü genehmigen durften, feierten die Einheimischen und Touristen zusammen bei Live-Band und grossem Feuerwerk am Strand. Eine einmalig schöne Stimmung. Dass das Feuerwerk dabei teilweise auf eine wenige Meter daneben stehende Palme gerichtet war und Teile von da abprallten und zurück Richtung Menge flogen, schien niemand wirklich zu stören. Man nahm dies ebenso gelassen hin, wie das Kokeln der einheimischen Kinder, welches nicht ungefährlicher war. Diese Gelassenheit ist übrigens ansteckend. Was uns zuhause schon oftmals in Schrecken versetzt hätte, lässt uns hier ganz kalt.

Ein Silvestermenü, welches sich sehen lassen kann.

So auch der «Plan» für unsere Rückfahrt. Wie bereits erwähnt wurde dieser Teil der Reise am Frühstückstisch zwischen Orangensaft, Rührei und Kaffee geplant. Von Big Corn Island fliegt dreimal am Tag ein Flugzeug nach Managua. Wir entschieden uns – aus welchen Gründen wissen wir inzwischen nicht mehr – für den Flug um 8.10 Uhr, Check-In ab 6.40 Uhr. Das Schiff von der kleinen zur grossen Insel fährt zweimal täglich, um 6.30 Uhr und 13.30 Uhr, und braucht für die Fahrt rund 40 Minuten. Vom Hafen zum Flughafen braucht das Taxi rund 10 Minuten. Ganz nach dem Motto „den Mutigen gehört die Welt“ entschieden wir uns dafür, unser Glück zu versuchen und das 6.30-Uhr Boot zu besteigen. Sollten wir den Flug verpassen, nehmen wir halt einen späteren oder bleiben noch ein paar Tage auf Big Corn Island – wieso auch nicht? Wie gesagt: Gelassenheit steckt an. Oder wie andere meinten: Wir müssten gar nicht darauf hoffen, den Flieger zu erreichen. Um es mit den Worten unseres Freundes P.F. aus E. zu sagen: «06.30 könnid die doch nor vom ghöre säge».

Da mit vielen Leuten zu rechnen war, fanden wir uns bereits eine Stunde vor der geplanten Abfahrt beim Hafen ein – und wir waren bei weitem nicht die ersten. Nach und nach trudelten Leute ein, bis sich wohl gegen deren hundert eingefunden hatten. Da das Boot nach unseren Schätzungen für 30-40 Leute Platz bot, war ein Chaos vorprogrammiert. Wir positionierten uns so, dass wir im Boot noch Platz hatten, was leider für viele andere nicht galt. Zu unserem Staunen konnte man doch rund 60 Leute in ein so kleines Boot quetschen, aber rund drei Dutzend standen eben noch auf dem Steg. So mussten noch zwei weitere Boote organisiert werden und es war bereits nach 7 Uhr als die Fahrt losging. P.F. aus E. hatte Recht. Die weiteren Stationen: 07.29 (von wegen 40 Minuten) Ankunft am Hafen, 07.36 Empfangnahme des Gepäcks, 07.48 Ankunft beim Flughafen. Dort erwartete uns ein verschlossenes Gebäude und eine lange Schlange. Die kennen eben nicht nur 06.30 Uhr vom Hörensagen, sondern auch 08.10 Uhr. Um 08.00 Uhr begann der Check-In und um 08.30 Uhr landete dann eine Maschine, doch sowohl dem Mathematikgenie als auch dem Kind im Vorschulalter fiel sofort auf, dass da etwas nicht stimmen konnte. Rund 100 Personen warteten am Flughafen, die soeben gelandete Maschine bot Platz für 15. 15 Auserwählte durften dann die Maschine besteigen, die anderen wurden damit vertröstet, dass eine weitere Maschine bereits organisiert sei. Tatsächlich landete rund 30 Minuten das nächste Flugzeug. Jetzt war es nicht mehr so offensichtlich. Doch rund 50 Plätze und (was man natürlich da noch nicht genau wissen konnte) noch immer rund 85 Personen. Bei den Flughafenangestellten war nun eine gewisse Überforderung nicht von der Hand zu weisen, bei einigen Passagieren machte sich grosse Verärgerung breit, welche bald mal in Aggression ummünzte. Leute, die angeblich Priority-Boarding-Status hatten, drängten sich ebenso unzimperlich nach vorne wie die mit quengelnden Kindern oder solche welche dringende Termine hatten. Irgendwann entschied eine Angestellte, dass alle Leute, welche keinen Boarding-Pass hätten, dieses Flugzeug besteigen dürfen und alle mit Boarding-Pass keinen Zugang hätten. Ich fragte mich, wieso es am „Gate“ überhaupt Leute ohne Boarding-Pass gibt, aber im Gegensatz zu vielen anderen, blieben wir äusserst gelassen und amüsierten uns über das Schauspiel. Rund 30 Minuten nach dem zweiten Flugzeug, kam dann die dritte Maschine und alle verbleibenden Passagiere fanden darin Platz. Ist doch alles kein Problem. Witzigerweise landete die dritte Maschine dann sogar vor der zweiten, da diese noch einen Zwischenhalt einlegte, um Leute aus- und einzuladen.

Abschliessend gilt zu sagen, dass wir zwar nicht (wie vielleicht erwartet) auf Little Corn Island unser Paradies gefunden haben, sondern auf den San-Blas-Inseln. Doch trotz der teilweise larmoyanten Worte bezüglich des ersten Tages (wir sind wohl inzwischen zu verwöhnt) dürfen wir behaupten, dass uns Little Corn Island sehr gut gefallen hat, auch wenn das Inselparadies seinen Zenit bereits überschritten haben dürfte. Ob es an Silvester lag – zugegeben der dümmste Zeitpunkt, um wenige Touristen zu erwarten – dass die Insel mit Touristen überflutet war, ist schwer zu sagen. Aber dass dieses (einstige) Paradies kein Geheimtipp mehr ist, war definitiv unschwer zu erkennen.

Für uns sind die Strandferien vorerst beendet. Die nächsten Tage machen wir uns auf, den Norden und Westen Nicaraguas zu erkunden. Sollte noch Zeit bleiben – wir haben uns bewusst keine Pläne gemacht – können wir immer noch ein paar Tage an der Pazifikküste in Nicaragua oder Costa Rica anhängen.

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